NORMAL PEOPLE von Sally Rooney – TACHELES

Diese Rezension enthält SPOILER! Falls du auf der Suche nach einer spoilerfreien Rezension zu diesem Buch bist, schau gerne auf Instagram @ipukewords vorbei. In meinem Storyhighlight „Reviews“ findest du eine Version ohne Spoiler.

Inhalt:

Connell und Marianne besuchen zwar die gleiche Schule, doch sehr viel mehr haben die beiden nicht gemeinsam. Connell gehört zu den beliebten Schüler, Marianne ist eine Außenseiterin, über die sich übles Zeug erzählt wird. Trotzdem entsteht etwas zwischen den beiden, als sie sich eines Tages miteinander unterhalten – etwas, dass die beiden noch lange begleiten und immer wieder zusammenführen wird.

Leseerlebnis:

Dieses Buch war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Es ist kein einfacher Liebesroman, dennoch verpasste es mir in den ersten 50 Seiten Bauchkribbeln, wie damals, als ich selbst das erste Mal verliebt war. Im Verlauf des Buches kamen noch alle möglichen anderen Emotionen hinzu: Wut, Misstrauen, Neugier, Freude… um nur ein paar wenige davon zu nennen. Bei diesem Buch hatte ich einen Redebedarf während des Lesens, wie schon lange nicht mehr. Mir sind so viele Gedanken durch den Kopf gegangen, die ich gerne eingefangen und festgehalten hätte. Allerdings bin ich kein Mensch, der book journaling betreibt.

Ich kam gut durch dieses Buch. Das soll heißen, es gab eigentlich keine Passagen, durch die ich mich hindurch quälen musste, die ich irgendwie träge fand. Im Gegenteil, eigentlich war alles, was im Buch passiert ist interessant und irgendwie passend. Obwohl es mich, wie anfangs erwähnt, an meine eigenen Erfahrungen und Gefühle erinnert hat, war mir vieles im Buch auch fremd. Ich selbst hätte oft ganz anders gehandelt als die Protagonisten, aber im Gegenteil zu Büchern, in denen mich das schon wirklich gestört hat, waren alle Handlungen für mich hier doch nachvollziehbar.

Ja, ich hatte auch negative Gefühle beim Lesen. Aber negative Gefühle, die absolut angebracht waren. Die Autorin hat eine sehr neutrale Haltung bewiesen, ihre Charaktere sehr bunt und authentisch beschrieben und es mir als Leserin selbst überlassen, wie ich mich bei den Geschehnissen im Buch fühle. Für mich beinhaltet dieses Buch sehr viel Ehrlichkeit, über die schönen und unschönen Dinge, die darin passieren. Nichts wurde schöngeredet oder romantisiert, aber auch nicht übermäßig kritisiert. Es war fast so, als würde mir jemand etwas von seinen Freunden aus dem echten Leben erzählen, über das ich mir echte Gedanken machen kann. Es ging mir nahe, es hat mich berührt.

Dieses Buch hatte so viel Tiefe, ohne mich je wirklich runterzuziehen.

Inhaltliche Bewertung:

Plot

Eine Sache, die mir an Normal People besonders gut gefallen hat, war die vermeintliche Ziellosigkeit des Plots. Anfänglich bin ich davon ausgegangen, es ginge darum, dass Connell und Marianne zum Ende hin offiziell zusammen sein werden. Wie man das eben denkt, wenn ein Buch mit Verliebtheit und ersten Annäherungen zweier Menschen startet. Doch dann war der Verlauf ganz anders, was ich sehr geliebt habe! Eigentlich bin ich kein großer Fan von ewigen Hin und Hers in Büchern, die lediglich dem Spannungsaufbau dienen. Das hatte dieses Buch nicht nötig, weil es so viel mehr dazwischen zu bieten hatte. Natürlich war ich frustriert, als Connell sich mal wieder wie ein Volldepp benommen hat. Und ich war schockiert, als Marianne sich wirklich so lange mit diesem Idioten Jamie abgegeben hat. Ich hab mir gewünscht, dass die beiden zusammen finden. Aber irgendwie auch nicht. Und genau aus diesem Zwiespalt heraus bin ich sehr zufrieden mit dem Ende.

Die Komponente der psychischen Erkrankungen beider Protagonisten fand ich sehr spannend und zeitgemäß. Außerdem war es sowohl authentisch eingebaut als auch realistisch beschrieben und umgesetzt. Ich hatte das Gefühl, die Autorin hat hier sehr gut recherchiert, ohne ein Sachbuch über Traumata oder Depressionen geschrieben zu haben. Natürlich hätte ich mir auch ein bisschen das Friede-Freude-Eierkuchen-Ende gewünscht, was diesen Aspekt betrifft. Dass Marianne endlich lernt, Respekt vor sich selbst zu haben (ihr letzter Satz, als sie zu Connell sagt, er solle gehen, er wisse ja, dass sie noch hier sein werde wenn er zurück kommt, deutet für mich darauf hin, dass sie für sich selbst keinen Fortschritt plant. Zumindest nicht ohne ihn). Dass Connell eine eigene Meinung entwickelt und sich nicht von Marianne sagen lassen muss, was er tun soll, dass er selbst weiß, was er kann. Aber ich weiß, dass das Ende des Buches sehr viel mehr der Realität entspricht als meine Wunschvorstellung. Von daher sehe ich hier keinen Kritikpunkt.

Die Protagonisten

Marianne

Marianne hat mich von Anfang an in ihren Bann gezogen, so sehr, dass sie mich sogar täuschen konnte. Ich hab lange geglaubt, es sei ihr wirklich egal, was die anderen über sie denken. Ich hab ihr ihre Labilität nicht sofort angemerkt und bin sehr beeindruckt, von ihren Selbsterhaltungskräften. Aber dann ist die Fassade recht schnell gebröckelt. So richtig erkannt habe ich es aber erst, als Connell selbst realisiert hat, dass sie sich ihm so sehr unterwirft, dass sie alles tun würde, was er von ihr verlangt.

Ihre Beziehung zu Jamie war für mich nicht nachvollziehbar. Weder in Bezug auf ihre Gewalterfahrungen noch sonst irgendwie. Marianne hat auf mich immer so gewirkt, als gebe sie sich gerne dem hin, was einen Reiz für sie bietet. Dann ist sie bereit, sich zu opfern und zu degradieren. So wie es wohl mit dem Künstler in Schweden angefangen hat. Sie hat bei der ganzen Sache mitgemacht, ohne sich so richtig wohl zu fühlen. Ich möchte sie nicht sadistisch nennen, aber ist es das nicht irgendwie? Vielleicht war es bei Jamie ja auch seine Bereitschaft, sich mit ihr auf diese Ebene zu begeben.

Tief unter die Haut ging mir jede Szene mit ihrem Bruder oder ihrer Mutter. Es gab nicht viel Erklärungen dafür, warum die beiden so mit ihr umgehen. Aber die habe ich persönlich auch nicht gebraucht. Sie sind vermutlich alle einfach geschädigt durch die Taten des verstorbenen Vaters.

Mariannes Charakter war für mich eine Mischung aus einem Rätsel und einem offenen Buch. Sie hat sich selbst nicht richtig verstanden, war hin und hergerissen zwischen ihrem Stolz (als sie Connell ignoriert, nachdem er eine andere zum Ball einlädt) und ihrem Hang zur Selbstzerstörung (sie weiß genau, dass Connell sie nicht schlagen wird und trotzdem bittet sie ihn darum – was nur ein Beispiel von vielen ist). Sie ist egoistisch und selbstlos zugleich. Ich möchte sie gerne stark nennen, weil sie schon so vieles erlebt und überlebt hat. Aber sie hält vieles nur aus, findet ihre Schlupflöcher und schätzt sich dabei selbst zu wenig wert. Aber ganz besonders wichtig und demnach auch schön: sie ist unglaublich echt.

Connell

Mit Connell hatte ich so meine Schwierigkeiten. Er galt als beliebt, hat sich selbst aber nicht so wahrgenommen? Oder kann diesen Umstand zumindest nicht schätzen, aber er vermisst es, als er an der Uni plötzlich nicht mehr beliebt ist? Er trifft viele schwache Entscheidungen. Er kann nicht zu Marianne stehen – man kann sagen, er war jung und dumm, aber dieses Problem taucht noch öfter auf. Versöhnlich war für mich hier, dass die Kapitel aus Connells Sicht oft Einblick in seine Gedanken gegeben haben, die langsam aber sicher Schlüsse auf seine psychische Verfassung zugelassen haben. Hätte man ihn nur aus Mariannes Sicht kennengelernt, hätte ich ihn vermutlich gehasst.

Trotzdem war mir nicht so richtig klar, woher seine psychischen Probleme kamen. Klar, der Auslöser wurde recht deutlich benannt (der Selbstmord/Tod eines Freundes) aber sowas löst ja nicht einfach so eine Depression aus?! Welche Veranlagungen hat er, welche Vorerfahrungen, die die Depression begünstigt haben? Schleierhaft.

Trotzdem habe ich Connell sehr geschätzt. Von Anfang an mochte ich die Beziehung zu seiner Mutter und welche Rolle er darin eingenommen hat. Er hat aus meiner Sicht die größte Entwicklung gemacht, sich aus den Gegebenheiten der Kleinstadt gelöst und ist zu einer eigenen Person geworden, die aber sicherlich noch nicht ganz ausgereift ist.

Weitere Gedanken:

Ich bin so froh, dieses Buch gelesen zu haben, weil ich den ganzen Hype New Adult Büchern schon so gut wie abgeschworen hatte. Ich danke Sally Rooney dafür, dass sie davon abgesehen hat, toxische Verhaltensweisen zu romantisieren. Dass sie, ohne das so deutlich zu schreiben, durch die Gedanken und Verhaltensweisen ihrer Charaktere deutlich gemacht hat, wie befremdlich toxisches Verhalten ist. Sie hat nicht zugelassen, dass Connell und Marianne sich gegenseitig schaden, obwohl sie sich auch nicht unbedingt gut getan haben. Ja, ich würde sogar soweit gehen aus diesem Buch die These herauszulesen, dass nur weil man einen anderen Menschen verstehen kann, weiß, was er durch macht – dass man deshalb noch lange nicht in der Lage ist, der anderen Person zu helfen.

Ich vermisse es in so vielen Büchern, dass die Folgen von sexuellem Missbrauch oder Gewalterfahrungen akkurat dargestellt werden. Ich habe das Gefühl, es ist mittlerweile ein Trend, den Charakteren ein richtig schlimmes Schicksal zu verpassen, ein Päckchen aus ihrer Vergangenheit, das sie mit sich herumtragen. Aber so richtig recherchieren, was das für einen Menschen bedeutet, das wollen die Autor*innen nicht. Eine Frau, die als junges Mädchen jahrelang körperlich bedrängt und gegen ihren Willen angefasst wurde, fühlt keine sexuelle Erregung, wenn ein muskulöser Typ sie gegen die Wand drängt und sie seinen Atem auf ihrer Haut spüren kann. Im Gegenteil – das ist ein enormer Trigger. Und bevor jetzt jemand denkt, dass man darüber ja auch hinweg kommen kann – bisher hat keiner der Charaktere von dem ich gelesen habe eine Therapie gemacht. Also WIE? Was für eine Message ist das an diejenigen, die solche Dinge wirklich erleben mussten und trotzdem noch damit kämpfen. Diese Menschen wollen sich auch wieder verlieben, sie wünschen sich auch eine schöne Beziehung. Aber nur für jemanden zu schwärmen reicht nicht aus, um all das zu vergessen. Das ist ein unvorstellbarer Kampf, den man nicht einfach weglassen kann. Deshalb denke ich, sollten die Autor*innen entweder richtig recherchieren oder aufhören, mit solchen Schicksalen zu spielen, nur um noch mehr Sensation in ihre Bücher zu packen.

So, kleiner Rant zum Ende hin beendet. Und jetzt ihr! Was sind eure Gedanken zu diesem Buch? Wie empfindet ihr die Dynamik zwischen Connell und Marianne?

Abschließende Bewertung:

Normal People von Sally Rooney erhält von mir strahlende fünf Sterne!


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