NOVEMBER 9 von Colleen Hoover – TACHELES

Diese Rezension enthält SPOILER! Falls du auf der Suche nach einer spoilerfreien Rezension zu diesem Buch bist, schau gerne auf meinem Instagramprofil @ipukewords vorbei. In meinem Storyhighlight „Reviews“ findest du eine Version ohne Spoiler.

Ich habe dieses Buch bereits im Dezember 2019 gelesen und schon damals hat es mich mit vielen Gefühlen zurückgelassen. Gefühle, die sehr ambivalent waren und mich in Gedanken an November 9 noch immer beschäftigen. Welches Buch könnte also besser geeignet sein für eine TACHELES Rezension als dieses? Here we go.

Inhalt

Der 9. November ist der Tag, an dem Fallon und Ben sich kennenlernen. Und er soll fortan zu einem ganz besonderen Tag für die beiden werden. Denn sie beschließen, sich für die nächsten fünf Jahre ausschließlich am 9. November zu treffen und den Tag miteinander zu verbringen. Ansonsten haben die beiden keinen Kontakt, leben sogar an unterschiedlichen Enden des Landes. Warum? Weil Ben denkt, Fallon hat noch nicht alles erlebt, was eine junge Frau erlebt haben sollte, bevor sie sich in eine ersthafte Beziehung begibt. Außerdem will Ben, der davon träumt Autor zu werden, diese Abmachung als Basis für seinen ersten Roman verwenden. Also verabschieden sie sich nach den ersten intensiven Stunden ihres Kennenlernens schon wieder voneinander und treffen sich erst nächstes Jahr am selben Tag wieder.

Leseerlebnis

Colleen Hoover hat eine Erzählweise geschaffen, die mich nur so durch die Seiten dieses Buches fliegen ließ. Man merkt deutlich, dass die Autorin schon mehrere Bücher geschrieben hat und ganz genau weiß, was sie da macht. Das habe ich als super angenehm empfunden, auf eine Art und Weise auch verlässlich. Das Buch spielt in unserem Zeitalter und trotzdem kam es mir nicht vor wie eine simple Instagram-WhatsApp-Popculture-Story, wie ich sie in manch anderen Büchern schon wahrgenommen habe. Ich finde es immer noch seltsam, wenn Netflix, Snapchat und Gossip Girl eine große Rolle in Büchern spielen, außer sie haben einen wichtigen Einfluss auf den Plot – ansonsten sind das für mich eher nebensächliche, fast schon nichtssagende Phänomene unserer Zeit, die hoffentlich irgendwann wieder deutlich weniger Wichtigkeit in unser aller Leben gewinnen.

Gefühlsmäßig hat mich diese Geschichte dauerhaft auf Trapp gehalten. Ich mochte Vieles, aber genauso Vieles hat mich auch irritiert oder sogar verärgert. Ich habe mich beständig so gefühlt, als seien verschiedene Handlungen, besonders von Ben, sehr kurz davor eine wichtige Grenze zu überschreiten. Auf der Grenzlinie stand dick und fett: ER TUT DAS, WEIL ER SIE LIEBT UND AKZEPTIERT. Ich würde das gerne durchstreichen und einen anderen Text auf diese Linie schreiben: SCHEISS AUF SEINE INTENTIONEN, IST SIE OKAY DAMIT?!

Inhaltliche Bewertung

Plot

Ich mag das grundlegende Konzept des Buches, einen signifikanten Tag auszuwählen, an welchem die Geschichte der Protagonisten erzählt wird. Das schafft eine schöne Dynamik, die es nicht langweilig werden lässt. Daran orientiert kann es natürlich passieren, dass der Plot Löcher bekommt. Das war hier nicht der Fall, auch wenn einige Dinge einfach nicht erwähnt wurden. Trotzdem haben mir einige Dinge gefehlt oder kamen mir einfach seltsam vor. Zum Beispiel hatten sowohl Ben als auch Fallon jeweils nur ein Hobby, dass ihren gesamten Alltag bestimmte (Sie die Schauspielerei, er das Schreiben). Ben beginnt die Witwe seines recht frisch verstorbenen Bruders zu Daten – Wie hat das Umfeld darauf reagiert? Und mein größter Haken: 364 Tage sind verdammt lang… ich will nicht bezweifeln, dass die Art und Weise des „Experiments“ der beiden die Sache sehr interessant gemacht hat, aber nach einem Jahr noch genauso zu empfinden wie davor bzw. sogar noch eine Steigerung der Gefühle – Nah, no, I don’t believe it.

Separat von der Love Story gibt es da natürlich, wie in jedem NA Buch, auch noch die dunkle, tragische Backstory, mit der der betroffene Charakter erst im letzten Drittel des Buches rausrückt: Ben ist verantwortlich für Fallons Verbrennungen und Narben, die ihr die Schauspielkarriere versaut haben. Das ist schlimm, ich will mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, mit welcher Last auf den Schultern Ben Fallon begegnet. Aber das macht für mich sein Verhalten noch unverständlicher – aber dazu mehr, wenn es direkt um Ben geht.

Grundsätzlich finde ich den Ausgang der Story okay. Aber ich glaube, ich wäre glücklicher darüber gewesen, wenn die beiden am Ende nicht Happily Ever After zusammen geendet wären. Ein Happy End kann auch bedeuten, dass beide Charaktere für sich den richtigen Weg wählen und mit dem Versöhnen, was passiert ist, ohne am Schluss ein Paar zu sein. Vergebung ist nicht das Gleiche wie Liebe – just saying.

Die Protagonist*innen

Ben

Ben dominiert diese Geschichte ohne Zweifel, so viel ist klar. Seine Gedanken bekommen viel Gewicht, sein Wille wird durchgesetzt. Aber hey, er ist einfach so fasziniert von Fallon, nicht wahr? Ja, so fasziniert, dass er sich direkt ausziehen muss, als die beiden das erste Mal in ihrem Zimmer allein sind. So fasziniert, dass er ganz genau weiß, in welchem Outfit sie bombastisch aussieht, auch wenn sie sich darin nicht wohlfühlen wird. So fasziniert, dass er ihr sagt, er will dass sie andere Kerle küsst und zwar auch noch ganz genau wie viele. Gut, okay, wir erfahren ja auch den wahrend Grund für seine Faszination (was Fallon als Person noch irrelevanter in der Geschichte macht, sie könnte vermeintlich jedes x-beliebige Mädchen sein): Er hat einen Brand verursacht, in welchem Fallon schwere Verletzungen erlitt und noch heute Narben davon trägt. Ben ist also fasziniert davon zu sehen, was der Brand angerichtet hat. Er ist fasziniert von seiner Schuld, von den Folgen seiner Handlung, von der Auswirkung, welche das alles auf Fallons Leben und ihre Persönlichkeit hatte. Er will die Narben auf ihrem Körper sehen, er denkt sie gehen ihn etwas an, auch wenn Fallon sie offensichtlich nicht vorzeigen möchte. Er will, dass sie sich schön fühlt und versucht dieses Gefühl bei ihr durch körperliche Nähe zu erzeugen. Er will das wieder gut machen, ihr Leben wieder „schön“ machen, indem er dafür sorgt, dass sie sich geliebt fühlt trotz all ihrer Narben.

Ich mag an Ben, dass er sich damit auseinandersetzen will, was passiert ist. Dass er offensichtlich nicht der klassische Bad-Boy-Möchtegern-Kriminelle ist, wie man ihn in vielen anderen NA Romanen wiederfindet. Ich mag, dass er verwundbar und naiv wütend war, als seine Mom gestorben ist und dass es ihn nicht halt kalt und verschlossen werden lassen. ABER, wenn er Respekt vor der Schuld hat, die er trägt, warum ist er so fixiert auf Fallons Brüste? Warum hat er keinen Respekt vor ihren Grenzen? Warum maßt er sich an, er könne ihr zeigen, wie sie sich selbst zu lieben hat? Warum hört er ihr nicht zu, wenn sie Zweifel äußert? Warum gibt er ihren Bedenken keinen Raum?

Ben wird als nachdenklicher, emphatischer Autor dargestellt, in dem viel vor sich geht, der viel zu bearbeiten hat. Der Tod seiner Mom, der Brand, dann verliert er seinen Bruder, kümmert sich mit dessen Frau um deren gemeinsames Kind etc. Aber eigentlich denkt Ben ganz offensichtlich über absolut gar nichts nach. Er macht einfach, er handelt oft überstürzt, geleitet von Emotionen, mit denen er sowieso am Ende alles entschuldigt. An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich die neue Fassung des Buches gelesen habe. Falls ihr nicht wusstet, dass das Buch einmal überarbeitet wurde und warum, dann hier eine kurze Randinfo: In der ursprünglichen Version gab es eine Szene, in der Fallon und Ben in einer Rumpelkammer im Club miteinander rummachen, obwohl Fallon eigentlich mit ihrem neuen Freund dort ist. Als es ihr zu viel wird und Ben unter ihren Rock fassen will, sagt sie „Stop.“ Seine Antwort darauf lautet: „I’m trying. Ask me again.“

Diese Szene wurde sehr kontrovers diskutiert und schließlich dahingehend abgeändert, dass Fallon zwar innerlich in einem Konflikt steht, ob das was sie gerade macht das Richtige ist, doch sie äußert sich nicht laut dazu, dass sie möchte, dass Ben aufhört, sondern lässt es trotz ihrer Zweifel zunächst zu. In der ursprünglichen Version wird für mich sehr deutlich, wer und wie Ben ist: Es ist ihm irgendwie egal, wie es Fallon geht. Er macht einfach was er will. Und er will nunmal von ihr hören, dass sie ihm vergibt, dass seine Brandstiftung vergeben und vergessen ist und dass er aufhören kann, sich deshalb Vorwürfe zu machen. Ach, und weil er sie so geil findet, will er natürlich auch hemmungslos mit ihr Rummachen. Wäre er emphatisch, hätte sie sich nicht äußern müssen, er hätte ein Gespür dafür gehabt, dass das alles womöglich zu weit geht. Und wenn sie sich dann doch dazu äußert, und ich hoffe sehr das steht für uns alle generell außer Diskussion, gibts kein „Ask me again“ oder eine lächerliche Ausrede wie „I’m trying.“ Es gibt nur eins: STOP.

Fallon

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich Fallon in diesem Buch nicht wirklich kennengelernt habe. Sie isst nur die Toppings von Frozen Yogurt, ist eine gute Schauspielerin und hat eine schwierige Beziehung zu ihrem Vater. Das allein könnte der Inhalt eines Klappentextes sein. Doch auch im Buch geht es kaum darüber hinaus.

Vielleicht liegt das daran, dass sie beständig übergangen wird. Dass sie zwar gedanklich äußern darf, was sie will und was sie nicht will, aber eigentlich spielt das keine Rolle, denn Ben ist derjenige, der bestimmt was passiert, der die Geschichte maßgeblich beeinflusst. Fallon ist eine Puppe, Opfer ihrer Umstände und damit ein katastrophales Beispiel für ein Stereotyp der weiblichen Rolle in zu vielen NA Büchern. Durch Fallon wird vermittelt, dass Zweifel am besten einfach (ohne triftigen Grund) über Bord geworfen werden sollten, WEIL DER JUNGE SIE JA SO FASZINIEREND FINDET. Dass Lügen, Manipulation und respektlose Sprüche („I’m paying for dinner so I get to decide what you are wearing“) Teil eines beeindruckenden Egos von einem Typen sind, in den man sich verlieben kann und dem man all das vergibt, weil er einen ja auch so sehr liebt.

Fallon hat immer wieder versucht, Rückgrat zu beweisen. Sie hat Ben widersprochen und war zunächst sehr strikt, indem sie entschieden hat, die Abmachung zu brechen, nachdem sie die Wahrheit erfahren hat. Und doch entscheidet sie sich am Schluss FÜR ihn.

Weitere Gedanken

Mit einer anderen Backstory hätte mir dieses Buch sicher gut gefallen, denn wie ich schon erwähnt habe, finde ich die Dynamik, die durch das Konzept entsteht sehr spannend. One Day von David Nicholls ist ähnlich aufgebaut und eins meiner absoluten Lieblingsbücher. Es erzählt auch von Enttäuschung, von unglücklicher Liebe und davon, wie sich zwei Menschen über die Jahre voneinander entfernen und doch wieder zusammen finden können. Aber One Day schafft all das, ohne dabei auch nur ansatzweise so problematisch zu sein wie November 9. Auf Instagram schrieb ich in meiner Rezension: Das Problem ist, die feine Linie zwischen „sich von jemandem angezogen fühlen“ und „zulassen, dass dieser jemand alles mit einem macht, weil man sich von man ihm angezogen fühl“. Und diese feine Linie heißt Zustimmung. Ich war mir nie wirklich sicher, ob diese Linie nicht doch überschritten wurde, oder ob sie in diesem Buch überhaupt existierte (im Sinne von: Let’s just ignore it and never talk about it at all).

Ich mag den Gedanken nicht, dass man sich selbst oder einer anderen Person gegenüber nachgibt, nur weil man diese Person attraktiv findet oder Gefühle für sie hegt. Es wäre mir lieber, junge Leser*innen würden lernen, ihren Instinkten zu vertrauen und danach zu entscheiden, ob sie zu etwas bereit sind und nicht danach, ob sie jemanden den sie mögen zufriedenstellen oder nicht verärgern.

Es ist eine Frage von Selbstachtung. Du kannst jemanden mögen und trotzdem eigene Einstellungen und Vorlieben haben. Du kannst jemanden mögen, und trotzdem ein eigenes Tempo fahren, wie schnell du körperliche Nähe zulassen möchtest. Aber du kannst niemanden mögen, der dich für all das nicht respektiert. Auch, wenn er dir erzählt, du sollst über deine Unsicherheiten hinwegsehen, denn du bist verdammt schön.

Bücher haben aus meiner Sicht einen Bildungsauftrag, der nichts mit Wissen oder Fakten zu tun hat. Bücher bilden unsere Sicht auf die Welt. Sie erzählen uns Geschichten, die wir nicht beeinflussen können. Sie bestimmen die Details, die Handlungen der Figuren und das Ende. Und sie können all das entweder positiv oder negativ darstellen, romantisieren, verharmlosen, idealisieren, kritisieren… you get it.

In diesem Buch wurde nichts davon getan. Deutlich kritisch ist, dass Ben ein manipulativer, impulsiver und kontrollierender Idiot ist und Fallon ihm trotzdem verzeiht. Und dass die Autorin ihren Zweifeln nicht genug Raum gibt, ihnen so gut wie keine Berechtigung schenkt. Die Message ist viel mehr: Lass dir von anderen erzählen, welche deiner Zweifel angebracht sind und welche du besser vergessen solltest. Also sind unsere Zweifel und Bedenken, von denen wir wichtige Entscheidungen abhängig machen und die als Warnsystem agieren, davon abhängig, ob ANDERE sie verstehen?

Ich finde es wichtig, dass über all diese problematischen Dinge geschrieben wird. Aber manchmal habe ich das Gefühl, den Autoren und Autorinnen ist diese Problematik nicht bewusst. Oder sie dient ihnen nur als Mittel zum Zweck, um eine dramatische und emotionale Story zu erzählen. Aber mit dem Bildungsauftrag, mit der Auswirkung ihrer Bücher wollen sie sich nicht auseinandersetzen… ich möchte Colleen Hoover nichts unterstellen. Sie hat schon mehrere Bücher geschrieben und weiß sicher, welche Response auf ihre Geschichten folgt. Vielleicht hat sie einfach eine andere Ansicht als ich. Die Wahrnehmung eines Buches ist ja immer auch subjektiv. All das verursacht meine große Ambivalenz gegenüber diesem Buch. Ich möchte es mögen, weil der Schreibstil toll war und das Konzept wirklich super ist – One Day von David Nicholls, ein Buch mit ähnlichem Konzept, ist eins meiner absoluten Lieblingsbücher. Es erzählt auch von Liebe, Enttäuschung, davon, wie sich zwei Personen über die Jahre entfernen und wieder annähern können. Von all den kleinen Dingen, die zwischenmenschlich passieren, die Beziehung bestimmen und am Ende den Grundton der Geschichte ausmachen. Aber One Day schafft es, das alles zu erzählen, ohne dabei auch nur ansatzweise problematisch zu sein. Und bei November 9 habe ich zumindest die ein oder andere Problematik entdeckt.

Abschließende Bewertung

November 9 von Colleen Hoover erhält von mir 3 Sterne.


2 Gedanken zu “NOVEMBER 9 von Colleen Hoover – TACHELES

  1. Hey,
    Zuerst einmal freue ich mich sehr diesen Artikel zu lesen. Ich habe so meine Probleme mit dem Ende, da ich es einfach nicht richtig finde, dass die beiden zusammen kommen. Aber du hast mir noch so viel mehr gezeigt, was mit diesem Buch falsch ist. Danke dafür.
    Liebe Grüße
    Rika

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Rika,
      du hattest ja in meinem Lesemont Post schon angedeutet, dass du mit dem Buch auch so deine Schwierigkeiten hattest. Mir gehts mit dem Ende genauso… ich hätte es schön gefunden, wenn das Ganze mit einer anderen, sehr wichtigen Message (die mit Selbstachtung viel zu tun hat) abgeschlossen worden wäre.
      Danke für deinen Kommentar!
      Liebe Grüße, Pia

      Gefällt 1 Person

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